Eine feministische Sicht auf Männlichkeit

Veröffentlicht am 27.10.2017 in Allgemein

#whyisaidnothing, #aufschrei und in der vergangenen Woche #metoo. In Frankreich sogar noch konkreter: #balancetonporc (benenne dein Schwein). Immer häufiger werden in den letzten Jahren Debatten rund um sexualisierte Belästigung und Gewalt geführt. Immer wieder schließen sich Frauen zusammen, um dem kriminellen Treiben einiger mächtiger Männer ein Ende zu setzten. Es macht mich nach wie vor wütend, wenn die Systeme und die MitwisserInnen hinter den Tätern aufgedeckt werden: Wie können so viele Menschen so lange zuschauen und Gewalt von Männern als Normalität betrachten? Und wie kann es sein, dass eine Gesellschaft wie die unsere, noch immer glaubt, dass es sich um Einzelfälle handelt? Und nach jedem Fall immer wieder denkt, das Problem sei gelöst, da diesem Täter ja nun das Handwerk gelegt wurde? Und Frauen immer nur in einer großen Gruppe Gehör schenkt? Was wir manchen Staaten ankreiden, dass das Wort einer Frau im Gerichtssaal nur die Hälfte des Wertes des Wortes eines Mannes hat, scheint auch bei uns noch nicht ganz abgelegt zu sein. Auch Mitarbeiterinnen des Europäischen Parlaments machten in den vergangenen Tag deutlich, dass sich die Täter auch hier im Hause befinden. 

Im Ausschuss für die Rechte der Frau und die Gleichstellung der Geschlechter hatten wir bereits in der letzten Woche ein besonders wichtiges Thema auf der Tagesordnung:

Eine feministische Sicht auf Männlichkeit

Dabei ging es nicht nur die Frage, wie sich die Arbeitsgewohnheiten und der Anteil, der von Männern geleisteten Betreuungsarbeit in den vergangenen Jahrzehnten verändert haben, oder wie sich Männer heute konkret einbringen können, um die Gleichstellung voranzutreiben, sondern auch um das Konzept der „Männlichen Ehrenideologie“. Dazu wurden die Zwischenergebnisse einer Studie der Universität Uppsala vorgestellt. Männer machen nach wie vor die große Mehrheit der Täter in Gewaltfällen aus. Dies halten wir in manchen Fällen für selbstverständlich, der Staat macht es sich beispielsweise zu Nutze: Armeen und Polizei sind nach wie vor hauptsächlich männlich. Aber dennoch wenden die meisten Männer nie Gewalt an. Was macht aus einem Mann also einen gewaltbereiten oder gar gewalttätigen Mann? Die ForscherInnen der Universität Uppsala nennen die Zustimmung zur sogenannten Männlichen Ehrenideologie als Faktor. Diese Ideologie orientiert sich an destruktiven Stereotypen über Männlichkeit, die nicht als negativ wahrgenommen werden. Sie basieren auf der Idee, dass Männer Anderen überlegen sind und sie einen höheren Status und mehr Macht nur durch Härte und Kontrolle über ihre Mitmenschen erlangen (wie zum Beispiel über die Kontrolle der Keuschheit der Frauen) und Gewalt ein Teil der männlichen Identität ist. Je höher die Zustimmung zu diesem Bild von Männlichkeit, desto höher sei auch das eigene Gewaltpotential. Auch die Zustimmung zu Folter und Todesstrafen, politisch motivierter Gewalt und ein höheres Risikoverhalten gingen laut Studie mit der Zustimmung zu diesem Bild von Männlichkeit einher.

Wenn wir die Welt zu einem sicheren Ort für Frauen und Minderheiten machen wollen, Gewalt verhindern und nachhaltig verbannen möchten, müssen wir uns also in Zukunft auf das Bild von Männlichkeit konzentrieren, das unsere Gesellschaft vorlebt und reproduziert. Wir brauchen mehr Vorbilder, die eine Männlichkeit leben, die ohne Gewalt und Überlegenheitsgefühl auskommt. Diese Zukunft sollte aus Sicht der Forscherinnen und Forscher an diesen Studien nicht mehr in allzu weiter Zukunft liegen: Denn der Großteil der Gesellschaft hat sich schon lange von diesen Stereotypen losgesagt. Oder?

Maria Noichl

 

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